Teil 3: Spagyrik und Alchemie Flasche mit Korken

Spagyrik als Teildisziplin der Alchemie

Nachdem wir uns in den vorangegangenen Beiträgen die reine Heilpflanzenkunde, die Hochdosis-Therapie mit ätherischen Ölen und die feinstoffliche homöopathische Behandlungsform angesehen haben, wollen wir uns heute dem Sonderweg der Spagyrik widmen.
Das Wort selbst besteht aus den beiden Worten Spao = Trennen und Ageiro = Zusammenfügen. Dieses Verfahren ist ein Teilbereich der sehr komplexen Alchemie. Diese wird gerne als die Vorstufe der heutigen, modernen Chemie verstanden, was ebenso wenig der Realität entspricht wie die Meinung, dass alle Alchemisten automatisch irgendwelchen Geheimbünden angehört haben und alles in den Bereich des Mystizismus gehört.

Auch heute kennt die Alchemie noch Laborvorgänge, die vermutlich einige Chemiker ins Staunen versetzen würden. So kann zum Beispiel Wasser in verschiedenen Destillationsgängen fraktioniert werden, so dass man am Ende 4 unterschiedliche Wasserqualitäten mit unterschiedlichen pH Werten hat. Auch gibt es während den Laborvorgängen Farbumschläge, die nur bei akribischem Arbeiten funktionieren und bis zum heutigen Tag nicht genau geklärt sind. In den alten Büchern ist jedoch richtigerweise beschrieben, dass zum Beispiel nur wenn der Farbumschlag im Reagenzglas erfolgt, die weiteren Arbeitsschritte gelingen, weil das Zwischenprodukt sonst nicht die richtigen (phyiskalischen und/oder chemischen) Eigenschaften aufweist, um die anschließenden Reaktionen einzuleiten.

In der Alchemie gibt es verschiedene Strömungen. Die Grundidee besteht im Grunde genommen immer darin, das, was die Natur in Perfektion betreibt, im Labor oder im eigenen Körper nachzuvollziehen. Dies kann dann in einem Versuchslabor stattfinden oder mit Meditationstechniken für innere Transformationsprozesse.
Wir haben früher einige Alchemiekurse angeboten und waren selbst erstaunt, was dort alles im Veraschungsofen, im Reagenzglas oder auch mit der Interaktion der Teilnehmer passiert ist.

Wie eingangs erwähnt, ist die Spagyrik ein Teilbereich der Alchemie. Um die Trennung und die Wiedervereinigung zu bewerkstelligen, gibt es nicht das eine Verfahren (wie zum Beispiel das Verdünnen und Verschütteln in der Homöopathie), sondern verschiedene Denkansätze.

Vereinfacht dargestellt, heißt es immer wieder, dass die drei Funktionsprinzipien Sal, Sulphur und Merkur in einem Endprodukt, zum Beispiel einem Medikament, voll entfaltet und enthalten sein müssen, um ein Arcanum, also ein wahres Heilmittel, zu bilden. Später dazu mehr.

Auch in diesem Bereich wird man wohl nie letztlich klären, wer der Begründer der Spagyrik war, aber so wie Hahnemann eine der ersten großen Persönlichkeiten in der Homöopathie war, so ist es „Paracelsus“ (1493 – 1541) in der Spagyrik.
Der schweizer Arzt Theophrastus Bombast von Hohenheim, geboren vermutlich 1493 in Egg im Kanton Schwyz, war ein außerordentlicher Heilkundiger seiner Zeit und einer der angesehensten Ärzte Europas. Das hat ihm natürlich nicht nur Freunde eingebracht, sondern auch Neider und gar Feinde. So hat er in einer Schrift, in der er die Wirkungslosigkeit des Guajakholzes bei Syphilis beschreibt, auf das das große Hansehaus der Fugger eine Einfuhrmonopol hatte, diese mächtige Familie gegen sich aufgebracht, die seine Veröffentlichungen verhindert hatten.
Auch wenn in seinen Knochen deutlich erhöhte Konzentrationen an Quecksilber gefunden wurden, war er ein ausgesprochener Kenner dieses Metalls und seiner Wirkungen. So hatte er eines der ersten systematischen Werke über die Metallvergiftungen und deren Behandlung von Bergleuten verfasst.
Auch riet er von Studiengängen ab oder sich zu lange mit Büchern zu beschäftigen, da man wahres Heilwissen, was wirklich funktioniere, am besten bei den Zigeunern und Waschweibern lerne.

Da bereits die alten Ägypter mittels Antimon (ein chemisches Element) Legierungen voneinander trennten, also unreines Gold durch Abscheidungsprozesse zu Reingold aufarbeiten konnten, sind alchemistische Prozesse viel älter, als die spagyrische Arzneimittelzubereitung, wie sie Paracelsus in verschiedenen Werken beschrieben hat.

Sal, Merkur und Sulphur – Körper, Geist und Seele

Diese drei Begriffe sind philosophische Prinzipien und keine in Stein gemeißelten Arbeitsvorschriften. Und so kommt es, dass es bei den spagyrischen Herstellern unterschiedliche Herangehensweisen gibt, um diese Wirkprinzipien in ihren Heilmitteln einzufangen.

Immer wieder hört man die Zuordnung:

  • Sulphur = Seele
  • Merkur = Geist
  • Sal = Körper

Das ist mit Sicherheit sehr unzureichend, jedoch kann man dies als erste Arbeitshypothese heranziehen, um zu verstehen, wie komplex sich die spagyrische Arzneimittelherstellung abspielt. Vielleicht könnte man postulieren, dass das sulphurische Prinzip die Idee ist, die hinter etwas steht. Wenn wir uns nur die Pflanzenpaare Kamille und Brennnessel ansehen oder Johanniskraut und Ackerschachtelhalm, dann kann man bereits erkennen, dass es sich um stark unterschiedliche Pflanzen handelt, die alleine durch ihren Wuchsstandort, ihr Aussehen, ihrem Geschmack etc. unterschiedliche Wirkrichtungen haben. Man könnte also sagen, dass hinter Kamille eine andere „Idee“ steckt als hinter der „Brennnessel“. Ich denke wir sind uns einig, dass wir Menschen auch mehr sind, als nur unser Körper und ein paar chemische Prozesse, die in uns ablaufen. Auch hinter uns steht eine Idee, die wir in diesem Leben verkörpern.
In vielen spagyrischen Schulen dient die Destillation dem Einfangen der Idee, die hinter einer Ausgangssubstanz steckt. Im sulphurischen Bereich finden wir also die feinstofflichen und ätherischen Anteile einer Substanz.

Das Sal ist ein körperliches Prinzip. Auch wir haben einen Körper (auch wenn wir nicht unser Körper sind…), und auch um den sollten wir uns gut kümmern, indem wir ihn gut ernähren, bei Bedarf mit Nahrungsergänzungen unterstützen, Sport machen, meditieren, um zur Ruhe zu kommen etc. Eine einfache und recht gut verständliche Möglichkeit, das Sal-Prinzip aus einer Ausgangssubstanz zu extrahieren ist die Veraschung. Hierbei werden zum Beispiel Pflanzenteile so lange und heiß verascht, so dass nur noch die reine, wasserlösliche Mineralasche übrig bleibt.

Bleibt noch das Merkur-Prinzip. Merkur, der Götterbote, oder auch Hermes in der griechischen Philosophie. Er vermittelt zwischen den beiden Polen Sulphur und Sal. In der heutigen Zeit sieht man es sehr häufig, dass Menschen nicht mit ihrem Seelenplan verbunden sind und sich wie ein Fähnchen im Wind von einem Trend zum anderen wenden. Daraus resultieren natürlich mehr Unsicherheit und Manipulierbarkeit, als wenn man in sich ruht, weiß, warum man auf diesem Planeten ist und was die eigene Lebensaufgabe ist. Dabei ist es egal, ob es ein plötzlich einsetzender Vegan-Trend ist, der Tür und Tor geöffnet hat, von einer sinnvollen, ethischen und gesunden Idee zu einer neuen Industrie mit hoch verarbeiteten und sicher nur bedingt gesunden Nahrungsmitteln oder der Schönheits- & Schlankheitswahn, der zu vielen Fällen von Magersucht und anderen psychischen Störungen geführt hat.
Bei alchemistischen Laborprozessen sind es oft Wasser, Alkohol oder ein anderes Extraktionsmedium, das die merkurischen Eigenschaften verkörpert.
Sie haben bestimmt schon mal beim Destillieren von einem „Geist“ gehört. Dabei wird ein hochwertiger Alkohol mit beispielsweise Früchten versetzt, und dieser Ansatz später abdestilliert. Der Alkohol hat die Idee hinter der Himbeere, der Birne etc. extrahiert und wird nun mittels der Destillation überführt und eingefangen.

Alexander von Bernus, einer der letzten großen Alchemisten des 20. Jahrhunderts postulierte klar und unmissverständlich, dass ein Mensch, der Sal, Merkur und Sulphur-Elemente in sich vereint ein Arcanum, also Heilmittel benötige, das ebenfalls alle drei Wirkprinzipien in sich vereine, da es sich sonst nicht um eine ganzheitliche Therapie handele. Somit ist für den Spagyriker weder die schulmedizinische Therapie oder reine Heilpflanzenkunde, noch die rein Informative Homöopathie ein ganzheitliches Medizinsystem.

Schauen wir uns einmal den Herstellungsprozesses eines Solunates an. Solunate sind die Heilmittel, die Alexander von Bernus in seinem Laboratorium Soluna zu Beginn des 20. Jahrunderts in mehrjährigen Experimenten entwickelt und 1921 in Vertrieb gebracht hat. Für die Entwicklung hat er sich der Hilfe von Rudolph Steiner bedient, einem der größten Denker dieser Zeit und Begründer der Anthroposophie, ebenso wie Conrad Johann Glückselig, der später das Phönix Laboratorium gegründet hat mit seinen spagyrischen Phönix Liquida.

Alchemie Destillationsansatz

In einem Kolben mit Quellwasser wird ein Destillationsansatz angesetzt. Sagen wir mal, eine Mischung aus Heilpflanzen, die auf die Leber wirken sollen. Dieser Ansatz wird nach ein paar Stunden abdestilliert. Das was im Ansatzkolben zurückbleibt, wird in den Kompost gegeben. In das Gefäß, in welchem das Destillat landet, wird zunächst medizinischer Alkohol zugegeben. Weiterhin werden nun wieder frische Pflanzen für die Leber zugeführt, aber auch andere Zusatzstoffe nach alchemistischen Ideen, wie zum Beispiel homöopathische Inhaltsstoffe, Metallzusätze (natürlich nur nicht- toxische!) oder andere. Dieser neue Ansatz wird nun einige Tage bei 37° stehengelassen und alkoholisch ausgezogen. Nach mehrfachen Filtrationen ist das Solunat für die Leber fertig. Der Rückstand aus der Filtration wird wieder mit Wasser übergossen und abdestilliert… Und so dreht sich dieser Kreis des Herstellungsprozesses unaufhörlich, ohne wirklichen Anfang und hoffentlich ohne ein Ende. Im Krieg und durch andere zulassungsrechtliche Gegebenheiten konnten die Solunate nicht im eigenen Labor hergestellt werden, so dass die Wala – wie Sie bereits wissen, ein großer anthroposophischer Hersteller – für ein paar Jahre diesen Kreislauf weiter am laufen gehalten hat.

Hier ein paar Bilder aus dem Herstellungsprozess:

Destillation früher vs. heute

Man erkennt gerade in der Fotografie aus Abb. 1, wie trüb das Destillat ist. Das liegt an dem teilweise hohen Anteil an ätherischen Ölen, wie ich ihn bei einem Tag, an dem ich im Labor mitgearbeitet habe selbst einmal aus der Nähe gesehen habe (siehe Abb. 3).

Destillation nach Auffüllen mit medizinischem Alkohol

Durch ein Umstellen des Destillationsverfahrens konnte der Prozess noch schonender gestaltet werden. Niedrigere Temperaturen, höhere Ausbeute von sehr flüchtigen Inhaltsstoffen und Rückführung von anderen flüchtigen Substanzen, so dass sich der Anteil an ätherischen Ölen um bis zu über 20% erhöht hat. Und da wir mittlerweile wissen, dass ätherische Öle phytotherapeutische Hoch- Dosis-Therapien sind, sieht man, wie weit man nur im Bereich der Destillation Stellschräubchen drehen kann, um das Ergebnis zu verbessern.

Mazeration früher vs. heute

Weitere Merkmale, wie ein eigener biologischer Anbau der Heilpflanzen in den italienischen Alpen, Handernte, spezielles, schonendes Trocknungsverfahren mit Erhalt der Signatur und Eigenschaften der Heilpflanzen, ergänzen die Grundzüge des Herstellungsprozesses.
Große Hersteller in diesen Bereichen sind Soluna, Phönix, Pekana, Spagyros, Phylak-Sachsen.

In einem Artikel ist es schwer rüberzubringen, was die Spagyrik alles in sich vereint.
Wir brauchen Philosophie, um nachvollziehen zu können, warum so ein „Brimbamborium“ im Labor betrieben wird, was man von außen betrachtet viel schneller und billiger haben könnte. Man braucht ein Grundverständnis von Alchemie, Spagyrik und Laborarbeit, um verschiedene Routineprozesse nachvollziehen zu können. Und man muss verstehen, dass Spagyrik mehr ist als ein Sonderweg der Arzneimittel-Herstellung. Man kann mit den spagyrischen Mitteln sowohl geistig-seelische Prozesse begleiten, wie auch körperliche Beschwerden auskurieren.
Es geht um Transformation. Es geht darum, dass Krankheit nicht ein zufälliges Ereignis ist, das in unser Leben tritt, sondern in vielen Fällen eine unweigerliche Konsequenz dessen, wer wir sind, was wir sind und was wir in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten und Jahren gedacht, gefühlt und getan haben. Da ist es nach langjähriger Praxiserfahrung etwas naiv zu glauben, dass man mit einem Rezeptorblocker, einem Antibiotikum, Antihypertonikum etc. das Problem an der Wurzel erwischt und ausrottet. Der Nutzen dieser Mittel soll gar nicht in Abrede gestellt werden, jedoch sind sie zur Behandlung der Symptome wichtig und notwendig, in vielen Fällen aber nicht, um zu heilen.

Abschließend noch ein paar Impressionen unserer eigenen alchemistischen und spagyrischen Arbeiten in den Workshops:

Lösung und Extraktion von Reinhold
Erhitzung im Veraschungsofen


Michael Schlimpen
Heilpraktiker


Über den Autor:

Michael Schlimpen ist ein erfahrener Heilpraktiker und betreibt seit über 15 Jahren eine Vollzeitpraxis in Kelberg. Seine frühere Tätigkeit im Rettungsdienst ermöglicht es ihm, schulmedizinisches Wissen in seiner Praxis mit den traditionellen Diagnose- und Therapieverfahren zu vereinen. Schon als Kind wurde er „Kräutermichel“ genannt, sodass er sich schwerpunktmäßig der Kräuterheilkunde verschrieben hat. Weitere Schwerpunkte seiner Praxis sind:

  • Labordiagnostik
  • Gerätegestützte Funktionsdiagnostik
  • Heilpflanzenkunde und Spagyrik
  • Orthomolekulare Medizin
  • Infusionstherapien

Des Weiteren ist er Mitglied im Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH) e. V. und verfasst regelmäßig Artikel für Fachzeitschriften der Naturheilkunde und Komplementärmedizin.