Teil 2: Die Aromatherapie Ätherisches Öl

Die Aromatherapie als Teilgebiet der Pflanzenheilkunde

Als ich meine Ausbildung an der renommierten Heilpflanzenschule „Phytaro“ beginnen wollte, störte mich der Anteil der Aromatherapie. Für mich war das „Raumbeduftung“ und esoterischer Humbug. Dass die Aromatherapie ein Teil der Phytotherapie ist, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Genau genommen ist die Aromatherapie eine ganz eigene Welt innerhalb der Pflanzenkunde.

Haben Sie gewusst, dass man Pflanzen mit hohem ätherischen Ölgehalt, wie zum Beispiel Lavendel, Rosmarin und Thymian, am besten mittags oder nachmittags sammelt, weil dann der Ölgehalt am höchsten ist? Um sich vor der mediterranen Hitze zu schützen, haben die Pflanzen verschiedene Strategien entwickelt. Das sind zum einen die kleinen Blätter, wie sie für die oben genannten Pflanzen typisch sind und eher nadelähnlich erscheinen. Die zweite Strategie ist die Produktion von ätherischen Ölen. Thermografiemessungen (also Wärmemessungen) haben gezeigt, dass durch die Produktion von ätherischen Ölen ein Kühleffekt um die nadelähnlichen Blätter entsteht – ähnlich wie der Effekt des Schwitzens bei uns Menschen. Natürlich dient der Gehalt an ätherischen Ölen auch dem Schutz vor Fraßfeinden, eine der wichtigsten Überlebensstrategien von Pflanzen. 

Gefahrensymbol XI reizend

Extrahiert man diese ätherischen Öle, die sonst in der Pflanze ein harmonisches Stoffgemisch darstellen, erhält man einen Hochdosis-Extrakt. Wenn Sie schon einmal ein Fläschchen naturreines ätherisches Öl in der Hand hatten, werden Sie sicher das Warnzeichen für „reizend“ (ein dickes, schwarzes X) gesehen haben. Haben Sie eine Idee, WIE HOCH die Dosis eines Wirkstoffs in ätherischen Ölen ist? Bei ätherischem Thymianöl ist es beispielsweise so, dass ein einziger Tropfen die Wirkstoffmenge von ca. 30 Tassen Thymiantee hat. Das ist schon beeindruckend, oder? Somit gehört die Einnahme von ätherischen Ölen, aber auch das Auftragen auf die Haut und vor allem die Schleimhäute ausschließlich in erfahrene Therapeutenhände, da es zu starken Nebenwirkungen kommen kann.
Die eingangs belächelte Raumbeduftung ist also mehr als nur dafür zu sorgen, dass es gut riecht im Raum. Sowohl mit Duftlampen, als auch mit sogenannten Raumsprays kann man zur Raumdesinfektion beitragen, was jetzt für die anstehende kalte Jahreszeit sehr sinnvoll ist.

Indikationen

Wann kann man die Aromatherapie sinnvoll ergänzend zu anderen Behandlungen einsetzen?

  • Schmerzen / Verspannungen / Muskelbeschwerden
  • psychische Störungen / nervliche Affektionen / Schlafstörungen / Stress
  • hormonelle Störungen
  • Infektionen
  • Haut- und Schleimhauterkrankungen

Vermutlich haben Sie schon einmal etwas von dem alten Traditionsmittel „Franzbranntwein“ gehört. Hier werden die Öle von Koniferen, also Nadelgehölzen, in einem alkoholischen Auszug angewendet. Bewährt hat sich dies besonders bei Muskelkater, Gelenkschmerzen und Ähnlichem. Neben diesem traditionellen Fertigmittel gibt es viele weitere aromatherapeutische Mischungen, die in Alkohol oder Öl gemischt zur äußerlichen Anwendung bei Muskel- und Gelenkbeschwerden zum Einsatz kommen. Das sind zum einen die Campher- und Minzöl-Präparate, die an die „Kühlrezeptoren“ der Haut andocken können und einen Kühleffekt vorgaukeln, letztendlich dadurch aber zu einer Mehrdurchblutung des Bereichs führen. Zum anderen sind es wärmende Öle wie Pfeffer, Muskat, Muskatellasalbei und Rosmarin, die direkt zu einer starken Durchwärmung der Haut und des betroffenen Gebietes führen und ideal für Massagen geeignet sind – je nach Konzentration zur reinen Wellness- und Entspannungsmassage, aber auch zu therapeutischen Heilbehandlungen. Auch in Bademischungen, in Sahne oder Honig emulgiert tun sie ihr Übriges, um zu unserem Wohlbefinden beizutragen.

Im Bereich der psychischen Affektionen liegt eine wichtige Indikation. Hierzu muss man wissen, dass wir in unserem Gehirn ein „limbisches System“ haben. Alle Situationen, die wir im Leben erleben finden erst einmal wertneutral statt. Das Gehirn sucht während wir eine Erfahrung durchleben im „Speicher“, unserem Langzeitgedächtnis, nach Erinnerungen, die ihm bekannt vorkommen und mit denen man das, was wir gerade erleben koppeln kann. Je älter wir werden, umso schneller geht das natürlich. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann man diese „Zeitverzögerung“ von „etwas findet statt“ und „Reaktion darauf“ noch sehr schön beobachten – mitunter vergehen Sekunden, bis ein Lachen, ein Weinen oder sonstiges als Reaktion auf einen Reiz erfolgt.

Wichtig ist, dass das Erlebte erst im Gehirn, im limbischen System mit einer Emotion gekoppelt wird. Natürlich ist das eine sehr vereinfachte Darstellung, aber in diesem Fall zum Verständnis für die ätherischen Öle völlig ausreichend.
Der Duft der ätherischen Öle wird über unsere Nase und die Siebbeinzellen aufgenommen, um dann einen positiven Einfluss auf unser sogenanntes Emotionalgehirn zu nehmen. Vielleicht haben Sie es auch schon mal erlebt, dass Sie schlagartig an Urlaub oder etwas Entspanntes gedacht haben oder einfach lächeln mussten und dann wahrgenommen haben, dass im Raum eine Zitrusnote vorherrschte. 

Hierzu wurde eine interessante Untersuchung gemacht, dessen Quelle mir leider entfallen ist, da ich diese Untersuchung bereits Anfang der 2000’er Jahre gelesen hatte. Die Quintessenz ist mir aber durch die Wichtigkeit für den täglichen Umgang mit ätherischen Ölen hängen geblieben, so dass ich den Inhalt sinngemäß wiedergeben kann:
Es wurde untersucht, ob naturreine ätherische Öle und synthetisch hergestellte Duftöle ähnliche Wirkungen erzielen. Hierzu wurde eine Gruppe von Studenten ausgewählt, die nach dem Schnuppern zweier identisch riechender Öle (das eine war eine Pressung aus Zitrusschalen und das andere ein künstliches Duftöl) einen Fragebogen ausfüllen musste. Im normalen Wachzustand wurden einige Fragen eruiert, unter anderem ob Unterschiede in der Duftnote wahrgenommen wurden. Viel spannender war jedoch, was in einem Entspannungszustand geschah. Man versetzte die Studenten in einen leichten Trance-Zustand und hielt ihnen zuerst das naturreine ätherische Öl unter die Nase und fragte sie, welche Bilder ihnen spontan in den Sinn kamen.
Und? Was meinen Sie? Woran denken Sie, wenn Sie einen Zitrusduft wahrnehmen im entspannten Zustand? Es waren Bilder wie: Urlaub, Strand, Sonne, Wärme, Palmen und viele mehr.

Nun kam das synthetische Duftöl, bei dem die Studenten im Wachzustand keinen Unterschied im Geruch ausmachen konnten.
Was denken Sie nun? Welche Bilder kamen ans Tageslicht? Zur Erinnerung: die Studenten sagten immerhin, dass die Öle absolut gleich riechen würden. Hier waren es aber Bilder wie: Fabrikschornsteine, brennende Autoreifen, Gummi und Vergleichbares.

Erstaunlich, oder?
Achten Sie also bitte stets darauf, dass Sie sich nicht von der Industrie blenden lassen, die mit so verwirrenden Aussagen wie „naturidentisch“ oder „natürliches Duftöl“ werben. 

Ruth von Braunschweig, eine Biochemikerin, ist sehr pragmatisch an die Sache heran gegangen. Mit ihren sogenannten „Aromaeiern“ kann man in Grafiken schnell sehen, welche Inhaltsstoffe in einem ätherischen Öl enthalten sind (man muss an dieser Stelle wissen, dass es sich immer um chemische Stoffgemische und keine Einzelsubstanzen handelt) und wie das Öl emotional wirkt. Hat es eine anregende Wirkung oder ist es eher beruhigend? Wirkt es zentrierend und konzentrationsfördernd oder regt es eher das Träumen und die Kreativität an?

Der dritte Indikationsbereich zeigt sich in hormonellen Dysbalancen.  Hier eignet sich ebenfalls die Anwendung von ätherischen Ölen und die Aromaöle wirken – begleitend zu anderen Therapiemaßnahmen – sowohl direkt hormonregulierend, wie auch über die emotionale Schiene ausgleichend, was es dem Hormonsystem leichter macht, in Harmonie zu bleiben.

Aromatogramm Labor L+S AG

Die Bereiche Infektionen sowie Haut- und Schleimhauterkrankungen spielen in unserem Gesundheitspark in Kelberg eine große Rolle. Wenn wir uns daran erinnern, dass ätherische Öle eine pflanzliche Hochdosis-Therapie darstellen, dann kann man sich vielleicht vorstellen, dass die viren-, pilz- & bakterienhemmende Wirkung sehr intensiv sein kann, wenn sie in direkten Kontakt mit den Erregern kommen. Der Nutzen zeigt sich in der Praxis aber noch viel praktischer und relevanter, denn mittels Aromatogramm, kann im Labor direkt getestet werden, welche ätherischen Öle, wie stark gegen den Keim des Patienten wirken.
Ein Klassiker ist natürlich die immer wiederkehrende Blasenentzündung, von der erschreckend viele Patientinnen geplagt sind. Unserer Erfahrung nach zeigen sich nach einigen Jahren mit wiederholten Kuren mit Breitband-Antibiotika immer kürzere beschwerdefreie Intervalle und letztlich auch immer mehr resistente Keime. Hier kann nun von der Patientin zu Hause selbst ein Abstrich aus dem Vaginaltrakt gemacht und ins Labor geschickt werden, wo zum einen eine Erregerbestimmung erfolgt und in einem zweiten Schritt dann das Aromatogramm angelegt wird. Hierbei wird genau der Keim erneut angezüchtet, der auch wirklich im Urogenitaltrakt der Patientin sitzt und an diesem die keimhemmende Wirkung der Öle getestet. Mittels Zäpfchentherapie kann so in den meisten Fällen in überschaubarem Zeitraum das Reservoir saniert werden, aus dem die Keime schnell wieder in die Harnröhre aufsteigen können.

Begleitet man diese lokale Therapie nun noch innerlich mit Heilpflanzen wie 

  • Meerrettich und Kapuzinerkresse mit ihren antibiotischen Wirkungen,
  • die Cranberry, reich an Proanthocyanidinen wie beispielsweise in Urocyan enthalten

und mit weiteren Helfern wie

  • D-Mannose, zum Beispiel in Cystimmun,
  • Mikronährstoffe wie Zink, Selen, Vitamin C, Vitamin D mit ihren immunmodulierenden Wirkungen, die beispielsweise mithilfe von Shield oder der Vitamin D3 Tropfen ergänzt werden können, oder
  • ß-Glucane, wie im Makro-Immun Komplex enthalten, die über ihre Wirkung an der Darmschleimhaut das gesamte Schleimhaut-Immunsystem fördern und unterstützen,

so besteht auch bei hartnäckigen Rezidivfällen Hoffnung auf Besserung. 

Diese Abstriche können letztlich von allen Oberflächen gemacht werden, sei es die Rachen- und Mundschleimhaut, bei Wund- und Pilzinfektionen der Haut (häufig in Hautfalten) oder im Vaginaltrakt. Selbstverständlich können auch Speichel und Urin als zu untersuchendes Medium herangezogen werden.
Da ein ätherisches Öl zwar immer eine ähnliche Zusammensetzung hat, aber von Ernte zu Ernte doch Unterschiede aufweist, sind derzeit keine Resistenzentwicklungen bekannt. Allergiker sollten beachten, dass – je nach Ausprägung der Allergie – allergische Reaktionen auftreten können, wenn das Öl eingeatmet oder auf die Haut aufgetragen wird.

Wie bereits am Anfang erwähnt, ist die Raumbeduftung nicht nur ein Beitrag zu guter Laune und zur Steigerung des Wohlbefindens (was alleine schon positiv fürs Immunsystem ist), sondern auch ein Puzzlestück der Infektprophylaxe, da sie zur Desinfektion der Raumluft beiträgt.
Und es sei zum Abschluss noch einmal darauf hingewiesen, dass Sie sich nicht von Wörtern wie „naturidentisch“ oder „natürliche Duftöle“ blenden lassen. Achten Sie beim Kauf immer auf naturreine, ätherische Öle, wo genau drauf steht, woraus das Öl hergestellt wurde. Gute Anbieter in diesem Bereich sind zum Beispiel Primavera, Neumond und Taoasis.

Ich denke, dass es ein spannender Ausflug war in die Welt der Düfte und Aromen. Vielleicht hat sich auch Ihr Bild über die ätherischen Öle etwas gewandelt, und vielleicht lassen Sie über den Winter anstatt künstlicher Aromen tatsächliche, ätherische Mischungen aus Zimt, Pfeffer, Orange und Bergamotte oder viele Weitere Einzug halten in das winterliche Zuhause.


Michael Schlimpen
Heilpraktiker


Über den Autor:

Michael Schlimpen ist ein erfahrener Heilpraktiker und betreibt seit über 15 Jahren eine Vollzeitpraxis in Kelberg. Seine frühere Tätigkeit im Rettungsdienst ermöglicht es ihm, schulmedizinisches Wissen in seiner Praxis mit den traditionellen Diagnose- und Therapieverfahren zu vereinen. Schon als Kind wurde er „Kräutermichel“ genannt, sodass er sich schwerpunktmäßig der Kräuterheilkunde verschrieben hat. Weitere Schwerpunkte seiner Praxis sind:

  • Labordiagnostik
  • Gerätegestützte Funktionsdiagnostik
  • Heilpflanzenkunde und Spagyrik
  • Orthomolekulare Medizin
  • Infusionstherapien

Des Weiteren ist er Mitglied im Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH) e. V. und verfasst regelmäßig Artikel für Fachzeitschriften der Naturheilkunde und Komplementärmedizin.

Buchtipp:

Praxis Aromatherapie: Grundlagen – Steckbriefe – Indikationen, Monika Werner und Ruth von Braunschweig, Thieme Verlag.