Puls und Work-Life-Balance Meditation Entspannung

Wie die Work-Life-Balance unseren Puls beeinflusst

Wenn uns das Herz bis zum Hals schlägt, dann weiß jeder, dass wir gerade in einer brenzligen Situation sind oder ihr gerade entkommen sind. Auch wenn das Herz vor Freude hüpft, ist allen bekannt, was das bedeutet.
Dass man mit dem Pulsschlag oder besser durch die Unterschiede im Herzrhythmus genaue Aussagen über den momentanen Gesundheitszustand, die Regulationsfähigkeit unseres autonomen Nervensystems, die Fitness eines Sportlers und sogar Risikoprofile und Prognosen bei diversen Erkrankungen treffen kann, ist vielen nicht bekannt.

Sicherlich hat jede/r schon mal den eigenen Puls getastet. Interessanterweise glauben viele Menschen, dass der Puls wie ein Metronom getaktet sei oder dass dies so sein soll. Doch so gibt es einen Spruch aus der chinesischen Medizin, in der die Pulsdiagnostik seit vielen Jahrhunderten fester Bestandteil der Diagnose ist, der besagt: „Wenn der Puls des Patienten so regelmäßig ist, wie das Tröpfeln des Regens auf dem Dach, wird er binnen 4 Tagen sterben.“
Die gute Nachricht ist, dass es so dramatisch nicht zu sein scheint, da statistisch gesehen, die meisten Menschen ab 80 Jahren keine oder kaum noch Unterschiede im Herzrhythmus haben und damit noch lange leben können.

Dennoch etabliert sich die so genannte HRV-Messung in immer mehr Gebieten der Medizin.
HRV steht für Herz-Raten-Variabilität. Schon vor 20 Jahren hörte ich davon in der Sportmedizin, wo das Verfahren in den westlichen Industrienationen am längsten etabliert ist, um die Leistungsfähigkeit der Sportler und den Trainingsfortschritt zu kontrollieren und gegebenenfalls zu optimieren. Mittlerweile finden sich sogenannte HRV-Monitore auch in vielen kardiologischen, diabetologischen und onkologischen Forschungsprojekten wieder.
In allen Bereichen kommt man zu den gleichen Schlussfolgerungen: Je eingeschränkter die Variabilität, also je getakteter der Puls ist, umso schlechter ist die Prognose.

In unseren Blog-Beiträgen Teil 1 und Teil 2 über Nahrungsmittelunverträglichkeiten haben wir gesehen, dass es viele Faktoren gibt, die dazu führen, dass unser Immunsystem nicht optimal funktioniert und „komische“ Entscheidungen trifft. In diesem Artikel sind wir tief in den Bereich der Ernährung und Immunologie eingetaucht. In einem vorangegangenen Artikel, „Darm und Darmsanierung“, haben wir uns die Funktionsweise des Darmes sehr genau angesehen.
Nun wollen wir uns heute das Thema Stress und vegetatives Nervensystem einmal genauer ansehen.

Ich kann mich daran erinnern, dass es früher meist nur einen Verdiener in der Familie gab. Die Frau war zu Hause und hat Haus, Hof und Kinder gehütet, war also die Familiengeschäftsführerin. Dinge wurden zeitaufwendig repariert und nicht einfach ausgetauscht, Kleidungsstücke, allen voran Socken und Pullover wurden selbst hergestellt und Dinge wurden im Radius von 30 bis 40 km eingekauft statt im Internet auf Knopfdruck bestellt. Und doch – obwohl so viel gearbeitet und Dinge mit teilweise viel höherem Aufwand erledigt worden sind – war die Zeit irgendwie gemütlicher. Die Zeit flog nicht so dahin.

Und heute? Es gibt Fertigessen, sodass man sein Essen nicht selbst anbauen, ernten und zubereiten muss. Durch das Internet müssen wir nicht mehr in der Gegend herumfahren und den passenden Händler suchen, der dann im Idealfall das passende Teil zur Hand hat, sondern können uns alles schnell und bequem an die Haustür liefern lassen. Elektronik und Technik haben uns Datenverarbeitung & Co. enorm erleichtert. Hier könnte man jetzt aus allen Lebensbereichen dutzende Beispiele anführen, die uns verdeutlichen, in was für einer traumhaften Zeit wir leben. Könnte ich heute mit meinem Opa oder Ur-Opa reden, würden diese mich vermutlich fragen, was ich denn mit der ganzen Zeit anfangen würde?

Wecker Zeit

Tja – das ist eine gute Frage! Was heißt überhaupt „die ganze Zeit“? Wer hat denn heute überhaupt noch Zeit? Durch die massiv gestiegenen Lebenshaltungskosten sind in der Regel beide Partner berufstätig, so dass der ganze Haushalt und andere Verpflichtungen nach Feierabend erledigt werden müssen. Und dann kann man sich auf der anderen Seite auch mal Statistiken angucken. Der Durchschnittsdeutsche verbringt im Schnitt über vier Stunden vor digitalen Medien, mal unabhängig davon, ob es TV gucken, Social Media oder „Computer-Zocken“ ist. Da gibt es dann immer welche, die unterhalb dieser Schwelle liegen, also deutlich weniger Zeit hierfür aufbringen, und solche, die sogar noch darüber liegen. Hiermit sind wir an einem wichtigen Punkt angekommen. Ein großes Problem, das man in der heutigen Zeit sieht, ist, dass die Menschen immer mehr vergeistigen, wobei es erst einmal unerheblich ist, ob man alle Werke von Goethe studiert, oder sich banale Talkshows im TV anguckt. In der Atemforschung zeigt sich, dass bei intellektueller Arbeit der Atemrhythmus schnell und flach wird. Das kann man gar nicht verhindern und passiert automatisch. Eine schnelle, flache Atmung hat aber weitreichende Konsequenzen für unseren Körper.

Weiterhin ist unser Gehirn noch lange nicht an die gewaltigen und vor allem permanent auf uns einprasselnden Informationsmengen gewöhnt. Auch wenn es uns augenscheinlich nicht stresst, stundenlang vor PC, Facebook, TV und Co zu hocken – für unser Gehirn sind diese Datenmengen ein gewaltiger Kraftakt.

Last but not least kommt die steigende Bewegungsarmut, die unsere Körper immer weiter verarmen lässt. Nun ist es aber so, dass das Stresshormon Adrenalin (Sie kennen das schöne Gefühl, mit Adrenalin durchflutet zu werden beispielsweise beim Achterbahnfahren) am besten durch körperliche Aktivität abgebautwird. Ansonsten kommt es gerne zu den klassischen Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich und ähnlichen Beschwerden.

Hieraus ergeben sich dann auch bereits die ersten Lösungsansätze:

1. Gönnen Sie sich öfter mal eine mentale Auszeit und machen Sie einfach mal… NICHTS!
Lassen Sie den Blick in die Ferne schweifen, dösen sie mal ein paar Minuten vor sich hin. Man nennt es auch Müßiggang.

2. Atmen Sie!
Sie müssen ja sowieso 24 Stunden am Tag atmen. Dann können Sie sich auch dreimal am Tag für drei bis fünf Minuten gezielt hinsetzen und mit verschiedenen Atemtechniken herumexperimentieren.

3. Bewegen Sie sich!
Erst einmal ist es egal, WAS Sie konkret machen, wichtig ist an erster Stelle, DASS Sie etwas machen. Seien es kurze bis lange Spaziergänge, Nordic Walken, Turnen, Yoga, Qigong oder Online-Angebote wie Gymondo, MovNat oder andere Aktivitäten.

Bleiben wir heute einmal beim Atmen.
Wir haben bereits gesehen, dass intellektuelles Arbeiten, aber auch Stress zu einer schnellen und flachen Atmung führt. Nun stellen Sie sich vor, dass Sie gerade an Ihrem Traum-Urlaubsort angekommen sind. Sie kommen auf Ihr Zimmer, öffnen das Fenster und sehen den Meerblick, die Berge, die Wüste, was auch immer… Was tun Sie? Schnell vor sich hinhecheln?
Wohl eher nicht. In der Regel erfolgt ein zufriedener Seufzer, als ein tiefes Ein- und Ausatmen. Auch das ist eine Erkenntnis der Atemforschung. Tiefe Glücksgefühle, Dankbarkeit, Ekstase und Entspannung gehen stets mit einer tiefen und vollen Atmung einher.
Mit diesem Wissen gerüstet, können wir nun ans Werk gehen, unser Leben zu verändern!
Die Lunge ist nämlich das einzige innere Organ, das zum einen unwillkürlich vom autonomen Nervensystem angesteuert wird (was sehr praktisch ist, denn so können wir nicht vergessen zu atmen), das zum anderen aber auch von uns bewusst „bedient“ werden kann.

Um das Ganze zu verdeutlichen zeige ich Ihnen mal eine Vor- und Während-Messung. Das heißt: Die erste Messung war bei einer Probandin, die sehr hohe Leistungsansprüche an sich selbst stellt und mehr oder minder permanent unter Stress steht, weil sie Angst hat, es den anderen nicht recht zu machen. Die zweite Messung ist ein paar Minuten später und zwar während einer bestimmten Atemübung, die sich „fokussiertes Ausatmen“ nennt, wo also der Fokus beim langsamen, genüsslichen Ausatmen liegt.
Die Messdaten werden in Diagrammen sichtbar gemacht, die jeden Zeitabstand von Herzschlag zu Herzschlag aufzeichnen und verschiedene Indizes der Anpassungsfähigkeit des Organismus dokumentieren. Je unterschiedlicher die einzelnen Herzschlagintervalle sind, desto mehr Variabilität ist vorhanden und desto besser ist das vegetative Nervensystem in der Lage, sich an innere und äußere Reize anzupassen.

HRV-Messung ohne Atemtechnik

Abbildung 1:
Erste Messung ohne Atemtechnik. Es lässt sich eine sehr schlechte Regulation erkennen.

HRV-Messung mit geschlossenen Augen und fokussierter Ausatmung

Abbildung 2:
Zweite Messung mit geschlossenen Augen und fokussierter Ausatmung. Der Herzrhythmus verändert sich signifikant und die Regulation verbessert sich enorm.

HRV-Messung: Stress-Index

Abbildung 3:
Links: Erste Messung ohne Atemtechnik mit hohem Stress-Index und gestörtem vegetativen Gleichgewicht.
Rechts: Zweite Messung mit fokussierter Ausatmung, bei der sich binnen weniger Minuten der Stress-Index halbiert und das vegetative Gleichgewicht auf ein stabiles Niveau kommt.

HRV-Messung: Neurodynamische Matrix

Abbildung 4:
Links: Erste Messung mit einer schlechten neurodynamischen Matrix.
Rechts: Zweite Messung, bei der sich die zentrale Regulation auf ein zufriedenstellendes Niveau verbessert.

Zu der zentralen Regulation beziehungsweise zur neurodynamischen Matrix müssen wir noch etwas ausholen, denn diese Grafik ist ein zentraler Punkt der Messung.
Grob gesagt gibt uns diese Grafik eine Aussage, wie gut das Gehirn mit dem Rest des Körpers kommuniziert. Das ist von Bedeutung bei Beschwerden, die sich nur schwer zuordnen lassen. Sodbrennen ist so ein klassisches Symptom, aber auch unkontrollierte Schweißausbrüche, Stottern unter Aufregung, Flushs, Reizdarm-Syndrom und viele andere Beschwerdebilder haben hier einen maßgeblichen Ausgangspunkt.

Bei unserem vegetativen Nervensystem geht es stets darum, auf die von außen kommenden Reize angemessen zu reagieren.
Nahrungsmittel sollen durch die Verdauungssäfte optimal aufgeschlossen werden, unsere Muskelspannung soll optimal auf die momentanen Bedürfnisse angepasst sein, unsere Schweißdrüsen und Durchblutung sollen für eine optimale Leistungsbereitschaft sorgen usw. Dass wir leider oft von diesem Optimum entfernt sind, sieht man an der stetig steigenden Zahl an chronisch Kranken, die Naturheilpraxen aufsuchen.

Gerade dieser Bereich lässt sich sehr gut mittels Atemtechniken, Meditation, Visualisierungen und zahlreichen weiteren Methoden verbessern.

HRV-Messung: Stress-Niveau im Gehirn

Abbildung 5:
Links: Erste Messung – Im Gehirn sieht man rot gekennzeichnet viele Areale mit hohem Stress-Niveau, während man links unten mit den roten dominanten Hirnwellen ebenfalls Stress und Müdigkeit erkennt.

Wie wir sehen, können wir Stress handfest sichtbar machen und wie sich verschiedene Stressoren (bewusst oder unbewusst, körperlich oder psycho-emotionaler Natur) auf die Regulation des Körpers auswirken.
Somit ist eine gute Atem- und Meditationspraxis weit mehr als ein bisschen esoterisches Wellness machen, sondern ein nachhaltiger Weg, seine eigene Gesundheit deutlich zu stabilisieren und zu verbessern.

Da es bis zur Meisterschaft aber immer ein weiter Weg ist, können wir dankbar sein, dass wir auch pflanzliche Begleiter haben, die uns auf diesem Weg dorthin behilflich sind.
Allen voran sind es die so genannten „Adaptogene“, eine bestimmte Gruppierung von Heilpflanzen, die unserem System helfen, besser mit Stress umzugehen und uns leistungsfähig zu halten.

Zu diesen Adaptogenen zählen Safran, Rosenwurz, Maca-Wurzel und verschiedene Ginseng-Arten. Auch der Wirkstoff-Komplex von „Innere Ruhe“ ist hilfreich, vor allem in Kombination mit den oben genannten Adaptogenen oder homöopathischen Komplexmitteln, das Vegetativum entweder gezielt zur Abendruhe oder aber auch über den Tag verteilt zu begleiten.

Natürlich dürfen hier auch nicht die so genannten „Nerven-Vitamine“, also die Vitamine des B- Komplexes fehlen, um unser Nervensystem optimal mit „Futter“ zu versorgen.


Michael Schlimpen
Heilpraktiker


Über den Autor:

Michael Schlimpen ist ein erfahrener Heilpraktiker und betreibt seit über 15 Jahren eine Vollzeitpraxis in Kelberg. Seine frühere Tätigkeit im Rettungsdienst ermöglicht es ihm, schulmedizinisches Wissen in seiner Praxis mit den traditionellen Diagnose- und Therapieverfahren zu vereinen. Schon als Kind wurde er „Kräutermichel“ genannt, sodass er sich schwerpunktmäßig der Kräuterheilkunde verschrieben hat. Weitere Schwerpunkte seiner Praxis sind:

  • Labordiagnostik
  • Gerätegestützte Funktionsdiagnostik
  • Heilpflanzenkunde und Spagyrik
  • Orthomolekulare Medizin
  • Infusionstherapien

Des Weiteren ist er Mitglied im Bund Deutscher Heilpraktiker (BDH) e. V. und verfasst regelmäßig Artikel für Fachzeitschriften der Naturheilkunde und Komplementärmedizin.